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19.07.2017 NDS; Der „Krieg gegen das Bargeld“

19.07.2017  ;     NachDenkSeiten.de  Zitat: 

 

       Der „Krieg gegen das Bargeld“

               ist eine milliardenschwere Ölquelle für den Finanzsektor

 

Neue Höchstgrenzen für Bargeldtransaktionen, Anreize für Restaurants, künftig kein Bargeld mehr anzunehmen – die Scharmützel und Schlachten im „Krieg gegen das Bargeld“, die der geschätzte Kollege Norbert Häring sorgsam protokolliert nehmen von Monat zu Monat an Intensität zu. Warum haben eigentlich so viele Akteure ein Interesse an einer Schwächung des Bargelds? Geht es dabei „nur“ um den gläsernen Bürger, dessen Finanztransaktionen protokolliert und dokumentiert werden sollen? Nein, nicht nur. Das bargeldlose Bezahlen ist vor allem einer der gigantischsten Märkte der Welt und er ist in Deutschland noch größtenteils unerschlossen. Es geht dabei um ein Volumen von rund drei Prozent des gesamten Einzelhandelsumsatzes – also um rund 15 Milliarden Euro, Jahr für Jahr. Von Jens Berger.

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Für den Kunden ist dieses Geschäftsmodell gleichbedeutend mit einer zweiten Umsatzsteuer. 19 Prozent des Umsatzes gehen direkt an den Fiskus, weitere rund drei Prozent fließen an den Finanzsektor – als „Gebühr für Bequemlichkeit“, denn nichts anderes stelle die bargeldlose Zahlung dar. Drei Euro zusätzlich für einen Pullover, zwei Euro pro Tankfüllung, fünf Euro bei der nächsten Hotelübernachtung, sechs Euro beim kommenden Großeinkauf … die Gebühren sind zwar überschaubar, summieren sich jedoch auf eine ordentliche Größe. Wenn Sie in einem Monat 1.000 Euro ausgeben, kommen sie im Jahr auf fast 500 Euro „Gebühren“ für bargeldloses Bezahlen – und da diese Kosten ja eingepreist sind, ist es vollkommen egal, ob sie nun mit Karte oder in bar bezahlen. Diese „zweite Umsatzsteuer“ fällt immer an und wird umso größer, je mehr Menschen bargeldlos bezahlen und je mehr Gebühren vom Handel eingepreist werden müssen.

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Den eigentlichen Durchbruch könnte ein System namens TIPS bringen, das von der EZB entwickelt wird. TIPS ist eine Schnittstelle über die eine „echte“ Überweisung binnen maximal fünf Sekunden durchgeführt werden kann. Ihre 100 Euro werden also ganz real in kürzester Zeit von ihrem Girokonto auf das Konto des Boutiquebetreibers überwiesen. Es gibt kein Kreditrisiko, Dienstleister wie Visa oder Mastercard werden schlicht nicht mehr benötigt. Die EZB nimmt eine Transaktionsgebühr von 0,2 Cent pro Überweisung … das ist überschaubar. Theoretisch braucht es dafür noch nicht einmal die Banken, da eine TIPS-Transaktion auch über eine Smartphone-App abgewickelt werden könnte.

Man braucht jedoch nicht viel Fantasie, um zu erkennen, dass diese Vorteile für den Finanzsektor eher Nachteile sind. Oder im Bild zu bleiben – die Multis wollen natürlich die Ölquelle selbst erschließen und ausbeuten und haben kein Interesse daran, dass hier ein offener Standard entstehen könnte. Sollte über TIPS ein solcher offener Standard entstehen – was momentan mehr als unwahrscheinlich ist – wäre der Multimilliardenmarkt erst einmal passé. Dann blieben noch die Transparenz- und Datenschutzprobleme, die durch PSD2 und TIPS keinesfalls besser werden – im Gegenteil. Es sind halt nicht „nur“ die Kosten die bei bargeldlosen Bezahlsystemen problematisch sind.




Meldung vom 2017-07-19 - Fair-Makler.com