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23.05.2017 Österreich -Ein Rentnerparadies ?

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Soziales | 25.04.2017

Tu felix Austria: Österreich – ein Rentnerparadies?

Von Hartmut Reiners

Kann ein Staat, der noch nicht einmal eine Präsidentenwahl unfallfrei organisieren kann, wirklich ein besser funktionierendes Rentensystem haben als das notorisch effektive Deutschland?

 

Das ZDF-Kabarett „Die Anstalt“ arbeitet gerne mit Datenmaterial, das den im medialen Mainstream verbreiteten Meinungen widerspricht. In der Sendung vom 4. April 2017 wurde behauptet, dass die heute Erwerbstätigen in Österreich eine deutlich höhere Durchschnittsrente erwarten können als in Deutschland. Kaum zu glauben! Kann ein Staat, der noch nicht einmal eine Präsidentenwahl unfallfrei organisieren kann, wirklich ein besser funktionierendes Rentensystem haben als das notorisch effektive Deutschland?

Die Autoren von „Die Anstalt“ haben solide recherchiert. Sie können sich u. a. auf eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung (HBS) und Analysen der OECD beziehen. Demnach erhielt im Jahr 2013 ein Neurentner, der mindestens 35 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt hatte, in Deutschland pro Monat eine Durchschnittsrente von 1.050 Euro, in Österreich hingegen 1.560 Euro bei 14 Auszahlungen im Jahr, also unterm Strich fast 75 Prozent mehr. Die FAZ sieht im österreichischen Rentensystem erwartungsgemäß ein „gefährliches Vorbild“. Es sei zu teuer und nicht nachhaltig finanzierbar, daher strebe man auch in Österreich eine kapitalgedeckte Zusatzrente nach dem Vorbild unserer Riester-Rente an.

Hier pflegt die FAZ einmal mehr die Kunst des „Bullshitting“ im Sinn des amerikanischen Philosophen Harry G. Frankfurt:

„Der Bullshitter fälscht Dinge. Aber das heißt nicht, dass sie zwangsläufig falsch sind.“

Mit selektiven Wahrheiten die Unwahrheit erzählen

Die FAZ erzählt mit selektiven Wahrheiten die Unwahrheit. Zwar hatte die schwarz-blaue Koalition unter Bundeskanzler Schüssel Anfang der 2000er Jahre eine „prämienbegünstigte Zusatzvorsorge“ eingeführt und wollte sie mit einer Kürzung der gesetzlichen Rente verbinden. Aber Letzteres scheiterte am geschlossenen Protest der Bevölkerung. Außerdem wurde die öffentliche Förderung der Zusatzrente mittlerweile halbiert, weil sie nur Mitnahmeeffekte produziert hat.

Es gibt auch keinen Beleg für die Behauptung der FAZ, das österreichische Rentenmodell sei nicht zukunftsfest finanziert. Die Langfristberechnungen im EU-Ageing-Report 2015 weisen aus, dass in Österreich die wegen der demografischen Entwicklung bis 2060 zu erwartenden Mehraufwendungen nur 0,5 % des BIP beanspruchen, also eine gut verkraftbare Dimension haben (näheres hier).

Weshalb hat Deutschland als die angeblich reichste Volkswirtschaft Europas ein deutlich niedrigeres Rentenniveau als das kleine Österreich? Ein wesentlicher Grund liegt in der mit der Agenda 2010 verfügten Kürzung des zukünftigen Auszahlungsbetrags der gesetzlichen Rentenversicherung (GRV). Bereits heute liegt das deutsche Rentenniveau im OECD-Ranking weit hinten, während Österreich einen der vorderen Plätze einnimmt. Die zu erwartende Rente eines „Standardrentners“ liegt im Verhältnis zum mittleren Arbeitseinkommen (netto) nach Berechnungen der OECD in Deutschland bei 50,0 Prozent, in Österreich bei 91,6 Prozent.

Die Alpenrepublik ist zwar kein Rentnerparadies, aber der Grundsatz der den Lebensstandard sichernden Rente wird realisiert. Auch Geringverdiener sind durch eine steuerfinanzierte „Ausgleichszulage“ in Österreich bessergestellt, die z. B. Alleinstehenden eine Mindestrente von 12.000 Euro pro Jahr garantiert. Wenn Martin Schulz und Andrea Nahles über wachsende soziale Ungleichheit klagen, sollten sie sich an die eigene Nase fassen und fragen, was die SPD falsch gemacht hat und ihre österreichischen Genossen offenbar besser hinbekommen haben. Denn das von Andrea Nahles angestrebte durchschnittliche Rentenniveau von 50 Prozent des Nettolohns, wird an der zunehmenden Altersarmut nichts ändern.

Mogelpackung Riester-Rente

Das gilt erst recht für die mit der Agenda 2010 geförderte Umstellung der Altersvorsorge auf eine kapitalgedeckte Rente. Die HBS-Studie zeigt, dass nur 36 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten eine Riester-Rente ansparen und 56 Prozent von ihnen Aussicht auf eine Betriebsrente haben. Vor allem Erwerbstätige mit einem niedrigen Einkommen haben keine zusätzliche Alterssicherung, weil sie sich die Prämienzahlungen nicht leisten können.

Außerdem kann die Riester-Rente die durch die Rentenabsenkung entstandene Lücke nicht kompensieren. Ihr Garantiezins ist seit Anfang der 2000er Jahre von 4 auf 1,25 Prozent gesunken. Es ist hinlänglich bekannt, dass die Riester-Rente eine Mogelpackung ist und keinen Beitrag zur Bekämpfung der Altersarmnut leistet (hier). Peter Bofinger hat recht: Die Riester-Rente muss weg. Das in sie eingezahlte Geld wäre in der GRV besser aufgehoben. Davon hätten sogar die höheren Gehaltsklassen etwas, denen die FAZ vor einigen Wochen freiwillige Zusatzzahlungen in die Rentenkasse als gute Geldanlage empfahl.

Damit wären wir bei einem weiteren Vorteil des österreichischen Rentensystems. Es hat als Volksversicherung, in der auch Selbständige pflichtversichert sind, eine breitere Finanzierungsbasis. Das Solidaritätsprinzip beschränkt sich in unserem Sozialversicherungssystem auf die unteren und mittleren Einkommensgruppen der Arbeitnehmer (siehe mein Makroskop-Beitrag vom 13. Januar 2017), während in Österreich so gut wie alle Bürger in die Rentenkasse einzahlen.

Die deutsche GRV ist wie zu Bismarcks Zeiten eine reine Arbeitnehmerversicherung. Selbständige und wirtschaftliche gut gestellte Berufsgruppen wie Ärzte und Rechtsanwälte können sich der Versicherungspflicht ebenso entziehen wie Unternehmens-Vorstände. Die Beamten haben ein Pensionssystem, das allein von den öffentlichen Haushalten finanziert wird und deutlich höhere Leistungen gewährt als die GRV. Zwar haben auch in Österreich die Beamten eine eigene Pensionskasse, die aber schrittweise den Regeln der allgemeinen Rentenversicherung angepasst wird.

Höhere Rentenbeiträge schaden nicht der Wirtschaft

Für ihr höheres Rentenniveau müssen die Österreicher mehr Beiträge als die Deutschen zahlen. Der Beitragssatz liegt seit 1988 konstant bei 22,8 Prozent, während die deutsche GRV aktuell 18,7 Prozent des beitragspflichtigen Einkommens erhebt. Allerdings kommt man bei uns auch auf über 22 Prozent, wenn man den bei 4 Prozent liegenden Beitrag der freiwilligen Riesterrente hinzurechnet. Außerdem werden die österreichischen Arbeitgeber mit einem Beitragsanteil von 12,55 Prozentpunkten stärker belastet als die Arbeitnehmer (10,25 Prozent).

Dem Credo des wirtschaftspolitischen Mainstreams in Deutschland zufolge, wonach höhere Sozialabgaben der Arbeitgeber zwangsläufig die Wettbewerbsfähigkeit und das Wachstum der Wirtschaft beeinträchtigen, müsste es der österreichischen Wirtschaft schlechter gehen als der deutschen. Aber davon kann keine Rede sein. Seit Beginn der 2000er Jahre hat Österreich ein höheres Wirtschafts- und Produktivitätswachstum als Deutschland, auch wenn sich in den letzten Jahren diese Unterschiede nivelliert haben (hier, S. 18 ff.).

Österreich zeigt, dass eine den Lebensstandard sichernde Altersrente solide finanzierbar ist, ohne die Erwerbstätigen zu überfordern. Sie ist zudem nicht nur wichtig für den sozialen Frieden, sondern auch ein Beitrag zur wirtschaftlichen Stabilität. Werner Vontobel hat das kürzlich in einem vorzüglichen Makroskop-Beitrag gezeigt.

Was hindert die SPD eigentlich daran, sich dieser Erkenntnis zu bedienen? Martin Schulz will nach eigener Aussage die Fehler der Agenda 2010 korrigieren. Wenn das keine Wahlkampfrhetorik bleiben soll, muss er bei der Rentenpolitik eine Kehrtwend

Zitat    Ende  ! 

Kurzkommentar: 

Die Riester R Ente ist  und  bleibt eine  Mogelpackung, die ich als  Versicherungsmakler nicht empfehle,  nicht verkaufe !

Eberhard  Stopp  




Meldung vom 2017-05-23 - Fair-Makler.com